Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
©Tobis Film
Titel: Vergiftete Wahrheit
Originaltitel: Dark Waters
Land: USA
Kinostart Deutschland:
Regie: Todd Haynes
Farbe: Farbe
Format: 1:1.85, D-Cinema
Ton: Dolby Digital 5.1
Laufzeit: 126 Minuten
Budget:
Mit: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Bill Pullman
FSK: ab 6 Jahren
sonstiges: Wahre Geschichte des Anwalts Rob Bilott, der es im Alleingang mit einem der weltweit größten Chemiekonzerne aufnahm und den sogenannten Teflon-Skandal ans Licht brachte.
Cast
Darsteller/in Rolle Deutsche Stimme
Mark Ruffalo Rob Bilott Norman Matt
Anne Hathaway Sarah Barlage Bilott Marie Bierstedt
Tim Robbins Tom Terp Tobias Meister
Bill Camp Wilbur Tennant Axel Lutter
Bill Pullman Harry Dietzler Detlef Bierstedt
Victor Garber Phil Donnelly Bodo Wolf
Mare Winningham Darlene Kiger Andrea Aust
William Jackson Harper James Ross Tim Sander
Louisa Krause Carla Pfeiffer Eva Thärichen
Jim Azelvandre Jim Tennant Andreas Müller
Kevin Crowley Larry Winter
Bruce Cromer Kim Burke
Denise Dal Vera Sandra Tennant
Richard Hagerman Joe Kiger
Abi Van Andel Kathleen Welch
John Newberg Dr. Gillespie
Barry Mulholland Charles Holliday
Jeffrey Grover Edward Wallace
Brian Gallagher David
Inhalt
Vergiftete Wahrheit (Filmplakat)Cincinnati, 1998. Rob Bilott (Mark Ruffalo), Experte für Umweltgesetzgebung, ist seit kurzem Partner in der renommierten Anwaltskanzlei Taft Stettinius & Hollister. Besondere Meriten hat er sich mit der Verteidigung einiger großer Namen aus der Chemiebranche erworben. Als Wilbur Tennant (Bill Camp) und sein Bruder Jim (Jim Azelvandre), zwei Farmer aus Parkersburg, West Virginia, ihn um Hilfe bitten, fühlt er sich zunächst nicht zuständig. Die beiden behaupten, die örtliche Chemiefabrik habe ihr Land vergiftet und das Vieh getötet. Bilott erklärt, er vertrete Chemieunternehmen und keine Privatpersonen.

Trotzdem geht ihm die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Er beschließt, sich die Farm, auf deren Nachbarhof er als Kind mit seiner Großmutter öfter zu Besuch war, mal anzusehen. Tennant behauptet, der Chemiegigant DuPont habe auf der angrenzenden Deponie im großen Stil Giftmüll abgeladen – Gift, das den nahegelegenen Bach verschmutze und 200 Kühe auf dem Gewissen habe. Bilott mag das kaum glauben. Ihm entgeht allerdings nicht, dass so ziemlich jeder Bewohner von Parkersburg DuPont viel zu verdanken hat. Die Leute sind der Firma, die den Ort seit Jahrzehnten am Leben hält, loyal verbunden.

Doch nach und nach häufen sich die Indizien. Bei einem weiteren Besuch wird Bilott Zeuge, wie Tennant einen wild gewordenen Stier erschießen muss. Und Tennants Videobänder zeigen hoffnungslos degenerierte und jämmerlich krepierende Kühe wie aus einem Horrorfilm. Bilott ist sichtlich berührt. Er bittet den Boss seiner Kanzlei, Tom Terp (Tim Robbins), um Erlaubnis, der Sache nachgehen zu dürfen. Der willigt widerstrebend ein.

Auch Bilotts Frau Sarah (Anne Hathaway) ist zunächst nicht begeistert vom neuen Projekt ihres Gatten. Bilott verschwindet nämlich immer öfter hinter Bergen von Aktenordnern, die nur ganz allmählich ihr Geheimnis preisgeben. Oder er konfrontiert DuPont-Anwalt Phil Donnelly (Victor Garber) mit unbequemen Fragen und Fakten, die dieser irgendwann mit einer Gegenfrage beantwortet: Ob Bilott wirklich bereit sei, seine Karriere für ein paar Hinterwäldler zu opfern?

Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
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Aber so leicht lässt sich der gewissenhafte Anwalt nicht einschüchtern. Im Sommer 1999 reicht er beim zuständigen Bundesgericht Klage gegen DuPont ein. Die nächsten Monate sichtet er mehr als 100.000 Seiten unsortierter Dokumente: interne Korrespondenz, medizinische Berichte und vertrauliche Unterlagen aus über fünfzig Jahren. Und was er dabei herausfindet, macht ihn sprachlos: DuPont wusste seit langer Zeit von der Schädlichkeit einer Chemikalie namens PFOA bei der Teflon-Produktion und setzte alles daran, das zu vertuschen.

Bilotts Sinn für Gerechtigkeit ist geweckt. Er verbringt viel Zeit mit dem Kampf David gegen Goliath, setzt sich für die Tennants und andere Bürger Parkersburgs ein und drängt darauf, dass dem kriminellen Verhalten des Konzerns ein Riegel vorgeschoben wird. Doch allmählich wird die Recherche zu seiner Obsession: Wieviel ist er bereit zu verlieren, um die vergiftete Wahrheit ans Licht zu bringen? Und wie hoch ist der Preis der Gerechtigkeit?

Kommentar von Todd Haynes
Robert Bilott und Todd Haynes (rechts) am Set von Vergiftete Wahrheit.
Robert Bilott und Todd Haynes (rechts) am Set von Vergiftete Wahrheit. – ©Tobis Film

Man bekommt nicht jeden Tag ein Geschenk von Mark Ruffalo überreicht, aber genau das war VERGIFTETE WAHRHEIT für mich, als es mir angeboten wurde.

Unter seiner Leitung und der Obhut von Participant hatte das Projekt schon volle Fahrt aufgenommen, als ich erstmals damit in Berührung kam. Das war ein Jahr nach dem bahnbrechenden Artikel von Nathaniel Rich im New York Times Magazine. Meine spontane Reaktion auf die Lektüre dieser Geschichte über DuPont und Teflon, denen der hartnäckige Unternehmensanwalt Rob Bilott auf die Schliche gekommen war, war eine Mischung aus Überraschung und Empörung.

Es wären eine Reihe von talentierten Regisseuren in Frage gekommen, um so einen Stoff filmisch umzusetzen, der gespickt ist mit aktuellen Bezügen zu nach wie vor stattfindenden Unternehmersünden und somit von hoher kultureller und politischer Relevanz ist. Aber aus unerfindlichen Gründen dachte Mark dabei an mich.

Dabei konnte er nicht wissen, dass ich insgeheim ein großer Fan dieses Whistleblower-Genres bin. Ich bin nicht der einzige, der Paradebeispiele wie Alan Pakulas „Paranoia-Trilogie“ KLUTE, ZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG sowie DIE UNBESTECHLICHEN aus den 1970ern bewundert. Oder spätere Meisterwerke wie SILKWOOD (1983) von Mike Nichols und INSIDER (1999) von Michael Mann. Mich fasziniert gar nicht mal in erster Linie der thematisierte Machtmissbrauch. (Keiner schaut DIE UNBESTECHLICHEN, um sich über Richard Nixons korrupten Politikstil zu informieren.) Natürlich geht es auch um die Aufdeckung der Faktenlage, wie Unternehmen oder Regierungen massive Vertuschungsstrategien verfolgen und das Recht konsequent beugen. Aber zentrales Anliegen des Whistleblower-Genres ist die Person, die sich dieser geballten Macht entgegenstellt, und der emotionale, psychologische und oft sogar lebensbedrohliche Prozess, den sie dabei durchlaufen muss, während sie die Wahrheit ans Licht bringt.

In VERGIFTETE WAHRHEIT bildet ausgerechnet der Unternehmensanwalt Rob Bilott den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Im Lauf der Enthüllungen wird seine Einschätzung der DuPont-Unternehmenspraktiken regelrecht auf den Kopf gestellt. Wie viele klassische Whistleblower ist Bilott von Natur aus argwöhnisch, unparteiisch und zurückhaltend, was ihn per se zu einem Einzelkämpfer macht. Diese Isolation nimmt im Lauf der Ereignisse weiter zu. Dieses Stigma wird gespiegelt in Wilbur Tennant, der die ganze Geschichte ins Rollen bringt. Die unsichtbare Bedrohung hängt wie ein Damoklesschwert über dem Netzwerk aus unabhängigen Mitstreitern, hinweg über Klassenunterschiede sowie Grenzen zwischen öffentlichem, privatem und kirchlichem Leben. Aber sogar ein so breit aufgestelltes Widerstandsbündnis droht im Kampf mit den Mächtigen an die Grenzen des Erträglichen zu geraten. VERGIFTETE WAHRHEIT zeigt minutiös, welche Phasen so eine Zerreißprobe durchläuft.

Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
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Ich habe den Film zusammen mit einem inspirierenden Team vor Ort in Cincinnati und West Virginia während eines bitterkalten Winters gedreht. Uns standen mehrere Originalschauplätze zur Verfügung. Unsere brillante Schauspielerriege wurde ergänzt durch Schauspieler aus der Region. Der kühl-distanzierte visuelle Stil verbindet die kontrastierenden Locations und zeigt das komplexe Bild einer amerikanischen Landschaft, in der die Verteilung der Wirtschaftsmacht klar gegliedert ist, obwohl sie in dieser Geschichte mit ihren Grenzen konfrontiert wird.

Gerade solche Widersprüche oder unwahrscheinlichen Faktoren machen so einen Fall wie den von Wilbur Tennant und die daraus resultierende Sammelklage überhaupt erst möglich. Dazu zählt auch, dass Unternehmensanwalt Bilott von Berufs wegen Chemieriesen wie DuPont verteidigt, aber unvermittelt die Seiten wechselt und somit über die notwendigen Ressourcen verfügt, um so einen Fall erfolgreich abschließen zu können. Ohne die Zustimmung seiner Kollegen Tom Terp und der Kanzlei Taft Law wäre das nie möglich gewesen. Auch nicht ohne die Hartnäckigkeit eines Wilbur Tennant oder Joe Kiger, das medizinische Kontrollsystem in West Virginia oder die über Bundesstaatengrenzen hinweg gültige Gesetzgebung von Ohio und West Virginia. Zusammen mit der Unterstützung von Robs Frau Sarah sind dies entscheidende Faktoren, ohne die so eine erstaunliche Wendung nicht möglich gewesen wäre und die Gefahren einer langlebigen Risiko-Chemikalie wie PFOA nie publik gemacht worden wären.

Aber solche Filme enden selten mit einem uneingeschränkten Triumph, immerhin basieren sie auf realen Begebenheiten. VERGIFTETE WAHRHEIT ist da keine Ausnahme. Anstatt den Sieg als Höhepunkt zu feiern, zeigt er den Akt des Kämpfens als latente Grundlage unseres Lebens, das zwischen Wissen und Verzweiflung oszilliert. Dadurch wird die Geschichte universell.

VERGIFTETE WAHRHEIT beginnt als regionaler, nationaler Umweltskandal und endet mit dem Wissen um das globale Ausmaß dieser Menschenleben gefährdenden Umweltvergiftung. Er zeigt uns auf, wie sehr der Mensch sich nicht mehr als Teil des Planeten begreift und gleichzeitig zum Opfer kapitalistischer und ideologischer Systeme wird. Doch wir alle sind Teil dieser von Menschen herbeigeführten Katastrophe. Unser Wissen und unser Bewusstsein verbindet uns alle so wie es Rob mit Wilbur und Taft Law mit Parkersburg, West Virginia, verbunden hat – in dem nie endenden Kampf für Gerechtigkeit und unser Überleben.

Text via Tobis Film

Über die Produktion
Von der Story zum Film

Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
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Filmemacher Todd Haynes begibt sich mit VERGIFTETE WAHRHEIT auf neues Terrain, um die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines Gesundheits- und Korruptionsskandals zu erzählen, der höchste Kreise von Industrie und Politik berührte. Ins Rollen gebracht wurde das Ganze durch Nathaniel Richs Artikel im New York Times Magazine vom 6. Januar 2016 über den Anwalt Rob Bilott aus Cincinnati. Der Angestellte der Kanzlei Taft Stettinius & Hollister LLP war überraschend gegen diejenigen ins Feld gezogen, die er zuvor vor Gericht vertreten hatte: Er deckte die Gefahren einer Chemikalie auf, die seit Jahren den Boden einer Gemeinde schwer verseucht hatte, und startete einen Feldzug, um einen einflussreichen Chemieriesen juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ähnelt einem Horrorszenario: Die Familie Tennant bewirtschaftet bereits seit Generationen ihre ausgedehnten Weideflächen. Plötzlich stirbt ihr Vieh auf seltsame Weise. Die sonst sanftmütigen Tiere zeigen aggressives Verhalten. Sie weisen überall Verletzungen auf, haben rotgeränderte Augen, sondern weißen Schleim ab und ihre Zähne verfärben sich schwarz. Eines der toten Kälber hat ein stahlblaues Auge. Wilbur Tennant ist zwar überzeugt, dass die giftigen Absonderungen von DuPonts Werk Washington Works auf dem nahegelegenen Deponiegelände schuld daran sind, kann es aber nicht beweisen.

Er wendet sich schließlich verzweifelt an Bilott, der als Kind viel Zeit in Parkersburg, West Virginia, verbrachte, ganz in der Nähe von Tennants Farm. „Als die Tennants uns kontaktieren und baten, ihnen dabei zu helfen aufzudecken, was in dieser Deponie vor sich ging, lebte ich in einer Welt, in der es geregelte Abläufe gab und gelistete Materialien. Wir dachten, das sollte schnell zu klären sein“, erinnert sich Bilott. „Wir finden heraus, was in der Deponie angeliefert wird und schauen uns die Genehmigungen an. Dann haben wir einen Überblick über die eingehenden Chemikalien und können nachvollziehen, ob eventuell zu viele verklappt werden.“

Ein Jahr später entdeckte Bilott, womit sie es tatsächlich zu tun hatten: „Eine Chemikalie verstieß gegen die Regularien. Die Spur führte zu einem noch größeren, ganz anders gelagerten Projekt.“ Die verdächtige Substanz heißt PFOA, Perfluoroctansäure. Sie wird seit 1951 eingesetzt, also knapp zwei Jahrzehnte vor der Gründung der Umweltschutzbehörde EPA.

Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
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„Unglücklicherweise konzentrierte sich die Umweltschutzbehörde in ihren Bundesgesetzen und Vorschriften in den 1970ern hauptsächlich auf neue Chemikalien. Schon länger eingesetzte Chemikalien hatten sie gar nicht auf dem Schirm. Die kamen weiter zum Einsatz, ohne dass ihre Wirkung genauer unter die Lupe genommen wurde“, erläutert Bilott.

Der Anwalt machte eine schockierende Entdeckung: DuPont wusste seit langem, dass PFOA weitreichende, sogar tödliche Wirkung haben konnte. Das hatte DuPont laut Richs Artikel nicht daran gehindert, bis 1990 insgesamt 7.100 Tonnen mit PFOA angereicherten Schlamm in besagter Deponie zu verklappen. Von dort gelangte vergiftetes Abwasser auf die Weiden, auf denen Tennants Vieh graste. Bilott beschloss daraufhin, es zu seiner Mission zu machen, den Tennants und all den anderen Menschen, die der langlebigen Risiko-Chemikalie PFOA ausgesetzt waren und deren Körper sie nicht mehr abbauen konnte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Als Mark Ruffalo den Artikel von Rich las, läuteten bei ihm alle Alarmglocken. Dem bereits dreimal für den Oscar nominierten Schauspieler und engagierten Umweltschützer war es ein besonderes Anliegen, Bilotts Kampf als künstlerisch-politisches Statement zu verfilmen. Im März 2011 hatte Ruffalo, der Klimawandel nicht für eine Bagatelle hält und sich für erneuerbare Energien einsetzt, die Organisation Water Defense mitgegründet, um in der Öffentlichkeit auf die schädlichen Folgen von Fracking und die zunehmende Verunreinigung des Grundwassers aufmerksam zu machen. 2012 brachte er das Solutions Project mit auf den Weg, als Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur bei der Entwicklung erneuerbarer Energien.

Ruffalo sprach Bilott in einem Telefonat auf einen Punkt an, der in dem Artikel nur angerissen wurde. „Ich wollte von Rob wissen, ob es nicht eher hinderlich war, seine Mission von einer Kanzlei aus voranzutreiben, die Firmen aus der Chemiebranche repräsentierte. Rob versprach, mich detailliert in die Hintergründe einzuweihen. Das war für mich der entscheidende Ansatzpunkt für das Projekt.“

„Ein Held befindet sich unter andauerndem Beschuss aus den Reihen diverser Kontrahenten, das ergibt eine spannende Geschichte“, erläutert Ruffalo. „Je komplexer die Widrigkeiten und Gegenkräfte ausfallen, desto mehr muss sich der Held anstrengen und desto bewundernswerter ist sein Einsatz. Anfangs sieht Rob hinter diesen Unternehmen in erster Linie noch Menschen, die ihrer Verantwortung nachkommen. Doch am Ende wird ihm klar, dass DuPont vierzig Jahre lang die Vergiftung der Umwelt billigend in Kauf nahm und keine Skrupel hatte, sie zu vertuschen.“

Bilott sah in dem Filmprojekt eine zusätzliche Gelegenheit zu kommunizieren, wie wichtig die aktuelle Gefahr für die Gesundheit der Menschen ist. „Die Leute müssen davon in Kenntnis gesetzt werden, in welchem Maße die Natur und unsere Gesundheit bedroht sind. Und sie sollen nachvollziehen können, wie so ein massiver Umweltskandal in einem Land, das zu den am weitesten entwickelten Nationen der Welt gehört, passieren konnte.“

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Jeff Skoll komplettierte mit seiner Firma Participant das Produktionsteam. Bekannt für Filme wie den Oscar-prämierten SPOTLIGHT, in dem Ruffalo in der Rolle des Journalisten Michael Rezendes zusammen mit seinen Kollegen vom Boston Globe die systematische Vertuschung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche aufdeckt, war die Firma ein idealer Partner für ein Projekt, das sich einem ähnlich brisanten und wichtigen gesellschaftspolitischem Thema widmet. Drehbuchautor Matthew Michael Carnahan, der bereits für Participant einen weiteren realen Umweltskandal für den Film DEEPWATER HORIZON als packendes Drama zu Papier gebracht hatte, sollte Bilotts Geschichte für die Leinwand adaptieren. Ruffalo schickte Ende 2017 bereits eine erste Fassung an Regisseur Todd Haynes, um herauszufinden, ob er Interesse hätte, die Regie zu übernehmen.

Obwohl Ruffalo und Haynes bis dahin noch nie zusammengearbeitet hatten, schätzten sie einander sehr. Haynes hatte das Thema des notorischen Außenseiters in seinen Filmen CAROL und dem Oscar-nominierten DEM HIMMEL SO FERN bereits ästhetisch reizvoll umgesetzt. Auch dem Thema Umweltverschmutzung hatte er sich mit SAFE und POISON gewidmet.

Haynes sprang sofort auf Bilotts Geschichte an und fand es reizvoll, sich in einem neuen Genre zu versuchen. „VERGIFTETE WAHRHEIT bewegt sich etwas außerhalb der Art von Filmen, mit denen ich assoziiert werde. Doch auch hier handelt es sich um einen Genrefilm, wenn man ihn über das Hauptmotiv des Whistleblowers definiert“, sagt Haynes, der zwei Meilensteine dieses Genres, DIE UNBESTECHLICHEN und INSIDER, zu seinen Lieblingsfilmen zählt.

Als Haynes die erste Drehbuchfassung in den Händen hielt, saß er gerade an der Postproduktion seines ungewöhnlichen Kinderfilms WONDERSTRUCK. Trotzdem wusste er sofort, dass er VERGIFTETE WAHRHEIT als nächstes Projekt machen wollte. Mit Christine Vachon und Pamela Koffler von Killer Films holte er zwei seit langem vertraute Produktionspartnerinnen mit ins Boot. Vachon faszinierte besonders der Aspekt, wie jemand zum Whistleblower wird: „Immerhin stellt so eine Entscheidung dein ganzes Leben auf den Kopf, und das nicht gerade im positiven Sinn. Die meisten von ihnen sind sich darüber im Klaren, dass sie vieles von dem, was ihrem Leben Stabilität verleiht, aufs Spiel setzen. Diese psychologische Zuspitzung fasziniert mich.“

Koffler überzeugte besonders, wie die Drehbuchadaption die vielen technischen Informationen verarbeitet, ohne den Fluss der Erzählung zum Stocken zu bringen: „Die Geschichte streift gleich mehrere Fachgebiete: Chemie, Justiz und Umweltpolitik. All die dafür notwendigen Hintergrundinformationen auf Spielfilmlänge so aufzubereiten, dass dabei ein packendes Drama herauskommt, war eine große Herausforderung. Und ich finde, das Resultat ist sehr gut gelungen.“

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Um sicherzustellen, dass das Drehbuch bis ins Detail möglichst authentisch ist, heuerten Ruffalo und Haynes Drehbuchautor Mario Correa für die Überarbeitungen an und reisten mit ihm im Mai 2018 nach Cincinnati, um vor Ort mit Bilott und seinen Unterstützern zu sprechen. Dazu gehörte vor allem Bilotts Vorgesetzter Thomas Terp.

Bilott war beeindruckt, mit welcher Leidenschaft und Empathie Ruffalo ans Werk ging: „Er nahm sich viel Zeit, um sich anzuhören, was dieser Fall, der über zwanzig Jahre unser Leben entscheidend geprägt hatte, für uns bedeutete. Nicht nur, was das aufwändige juristische Verfahren anging, sondern auch auf der persönlichen Ebene. Die Auswirkungen auf die Familien all derer, die darin involviert waren.“

Haynes und Correa reisten auch nach Parkersburg, West Virginia, und trafen dort zusammen mit Bilott diejenigen, die den Stein ins Rollen gebracht hatten. Sie besuchten dort auch das riesige Gelände von Washington Works. „Die Fabrik spuckte Unmengen von Rauch aus“, erinnert sich Haynes. „Du hast das Gefühl, als würden diese Emissionen dir direkt in die Haut ziehen. Du bist umgeben von einem Nebel, der dein Sehvermögen noch nach Verlassen des Geländes beeinträchtigt.“

Obwohl auch in seinen früheren Filmen einige Figuren von realen Personen inspiriert waren, stellte VERGIFTETE WAHRHEIT in Sachen Authentizität einen weitaus größeren Anspruch an Haynes. „Das war für mich die größte Herausforderung: den Fakten treu zu bleiben und diese einmalige Erfahrung, die diese Menschen durchlaufen haben, visuell so umzusetzen, dass sie unverfälscht beim Zuschauer ankommt und ihn gleichzeitig fesselt.“

Der Look

Vergiftete Wahrheit (Filmszene)
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Die Dreharbeiten zu VERGIFTETE WAHRHEIT begannen in Cincinnati, Ohio, am 14. Januar 2019. Haynes und die Produzenten wollten Rob Bilotts Kampf gegen den Chemiekonzern so authentisch wie möglich auf die Leinwand zu bringen. Rob und seine Frau Sarah Barlage Bilott waren ebenfalls mit von der Partie. „Todd stellte Rob viele Fragen: ‚Hast du dir Notizen gemacht? Wie hast du die Unmengen an Informationen systematisch aufbereitet?‘‘, erinnert sich Produzentin Pamela Koffler. „Bis ins kleinste Detail wollte er alles über ihr Familienleben, ihre Gefühlslage und Robs Arbeitsweise erfahren, um den verschiedenen Units ausreichend Anhaltspunkte liefern zu können.“

„Ich arbeite bereits seit über 30 Jahren mit Todd zusammen. Jedes Detail in jeder Einstellung hat seine Funktion innerhalb der Geschichte. Requisiten, Kostüme, Make-up, Kameraeinstellungen – alles hat er sorgfältig durchdacht“, ergänzt Produzentin Christine Vachon. „Und die Tatsache, dass Todd sich erstmals in diesem Genre bewegt, zeigt, wie intuitiv er sich in eine Filmsprache hineindenken kann, mit der er sich bisher nur als Zuschauer auseinandergesetzt hat.“

Haynes vertraute die visuelle Umsetzung von VERGIFTETE WAHRHEIT erneut seinem langjährigen Kameramann Edward Lachman an, der bereits 2002 für DEM HIMMEL SO FERN und 2015 für CAROL mit Oscar-Nominierungen belohnt wurde. „Ed ist ein Perfektionist“, schwärmt Haynes. „Und ein wahrer Künstler. Er bringt sich voll in das Projekt ein und achtet auf kleinste Details in einer Weise, wie niemand sonst, den ich kenne.“

Die Zusammenarbeit mit Produktionsdesignerin Hannah Beachler war eine Premiere für Haynes. Sie wurde Anfang dieses Jahres als erste Afro-Amerikanerin mit dem Oscar für ihre bahnbrechende Arbeit in dem Marvel-Blockbuster BLACK PANTHER geehrt. Abgesehen von ihrer fachlichen Expertise ist Beachler mit dem Leben in Cincinnati bestens vertraut: Sie hat dort und in Dayton studiert. Ihre Kindheit verbrachte sie in Centerville, Ohio.

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„Mein Vater war Architekt und wir wuchsen mitten im Wald auf. Unsere Nachbarn waren Farmer. Die Kinder meiner Schwester sind Farmer. Ich kenne mich mit dieser Art Leben aus. Rob dagegen ist ein Mann, der mit seinem Platz in diesem Sozialgefüge zu kämpfen hat, das hat mich fasziniert“, erläutert Beachler.

Sie war früh vor Ort, um die Menschen und Schauplätze, die für VERGIFTETE WAHRHEIT entscheidend sind, selbst in Augenschein zu nehmen. „Als erstes besuchten wir die Farm von Tennant in Parkersburg. Jim Tennant fuhr uns mit seinem Traktor über die Ländereien und erzählte uns aus seinem Leben“, erinnert sich Beachler. „Du musst dich an die realen Orte zu den realen Menschen begeben, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie du ihre Welt möglichst authentisch visuell einfangen kannst. Ich rede nicht von bloßem Kopieren, sondern von dem Einfangen der Essenz.“

Obwohl die Geschichte noch nicht so lange zurückliegt, musste Beachler gründliche Recherche betreiben. „Die späten 1990er und der Beginn der 2000er sind uns einerseits vertraut, andererseits erinnern wir uns nicht mehr genau daran. Welche Handys waren auf dem Markt? Wie sahen die Schreibtische in einer Anwaltskanzlei aus? Und eine Kanzlei wie Taft begann damals, anderen großen Firmen nachzueifern, indem sie sich mit Rechtsberatung als Marke etablierten.“

Die Produktion konnte viele Originalschauplätze nutzen: Die Kanzlei von Taft Stettinius & Hollister, LLP sowie den Spiegelsaal im Hilton Nederland Hotel, wo die Kanzlei viele Arbeitsessen abhielt. (Rob und Sarah Barlage Bilott sind in einer Hotelszene als Gäste des Jahrestreffens der Ohio Chemical Alliance 1999 in besagtem Hotel zu sehen.) Vachon kennt sich in der Stadt gut aus, immerhin hat sie dort mit ihrer Firma Killer Films bereits fünf Kinofilme gedreht: „Wir lieben diese Stadt nicht ohne Grund: Sie bietet eine große Bandbreite an Motiven, die Filmcrews von dort sind mit Leidenschaft bei der Sache, Gleiches gilt für die Schauspieler.“

Haynes hatte bereits CAROL in Cincinnati gedreht und fand es unbedingt erforderlich, auch VERGIFTETE WAHRHEIT genau dort zu verfilmen: „Dieser Ort spielt eine entscheidende Rolle in einem der spektakulärsten Umweltskandale der jüngeren amerikanischen Geschichte. Wir hatten das große Glück, nicht in Kulissen drehen zu müssen, sondern konnten die Stadt so zeigen, wie sie tatsächlich ist.“

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Die Taft Kanzlei hatte es Beachler besonders angetan. Sie liegt im Herzen des Geschäftsviertels von Cincinnati. „Abgesehen davon, dass es immer faszinierend ist, an tatsächlichen Schauplätzen zu drehen, ist dieses Büro auch sehr fotogen“, findet Beachler. „Es ist sehr verwinkelt und bietet viele interessante Variationen.“ Tom Terps Büro, ein Konferenzraum, der Empfangsbereich und die verwinkelten Korridore wurden ausgiebig in Szene gesetzt.

Eine bewirtschaftete Farm in Colerain Township, nicht weit außerhalb von Cincinnati, diente als Wilbur Tennants Farm. Die Gemeinde Hamilton wurde für die Szenen genutzt, die in Parkersburg spielen. Bilotts damaliges Haus wurde in Hamilton County im Stil der späten 90er nachgebildet. „Todd war es wichtig, die enge Verbindung dieser beiden Familien auch über deren Häuser zu betonen. Obwohl sie unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten angehörten, waren sie einander menschlich sehr zugetan“, erläutert Beachler.

Diese Idee wurde auch vom Kostümbildner Christopher Peterson aufgenommen, der 2015 in CAROL als Assistent der Kostümabteilung mit Haynes zusammengearbeitet hatte. „Wir betonen auch mittels der Kleidung die verschiedenen Welten, in denen diese Geschichte spielt“, bestätigt Peterson. „Wir sehen Wilbur und Jim Tennant in ihrer Arbeitskluft in der Lobby dieser noblen Kanzlei auf ihren Termin warten. Taft repräsentiert von der Einrichtung her den nüchternen, sachlichen, kühlen, dunklen Stil der Geschäftswelt. Alle dort tragen Anzug quasi als Uniform, nur die Krawatten variieren etwas. Als Rob später in Parkersburg in Mantel und Anzug aus seinem Wagen steigt, hebt er sich deutlich von den Menschen im Ort ab, die Jeans oder Arbeitskleidung tragen, ohne sich viel Gedanken darum zu machen, was sie anziehen.“

„Todd wollte betonen, wie unterschiedlich diese Welten sind und dass jeder sich in der anderen fehl am Platz fühlt“, sagt Peterson. „Später wird einem klar, wie viel Mut dazugehört, sich aus der eigenen Welt herauszuwagen.“

In einem ersten Treffen mit Mark Ruffalo wurden Peterson Schnappschüsse der Familie Bilott gezeigt. Es stellte sich heraus, dass Rob über die Jahre mehrere Foto-Alben angelegt hatte. Auch die Unmengen von Akten aus dem Verfahren gegen DuPont hatte er aufbewahrt.

„Es gab tatsächlich zu jedem Jahr zwischen 1998 und 2013 ein Album mit Fotos“, erinnert sich Peterson. Sarah erwähnte, dass sich viele der Kleidungsstücke auf den Fotos noch oben in ihren Schränken befanden. „Als ich mir ihre Sachen ansah, entdeckte ich, dass Sarah sogar dieselbe Größe wie Anne hatte,“ erzählt Peterson. Sie überließ sie ihm daraufhin bereitwillig für den Dreh.

„Dieser Film zeichnet sich durch vielerlei Aspekte aus – herausragende Schauspieler, Kamera, Design und Regie. Doch in erster Linie möchten wir, dass der Zuschauer aus dem Kino kommt mit einer neuen Sicht darauf, wie sich dieser Umweltskandal auf unser aller Leben ausgewirkt hat und wie unser Land darauf reagiert“, sagt Vachon.

Text via Tobis Film

Stab/Crew
Produzent/in: Pamela Koffler
Produzent/in: Mark Ruffalo
Produzent/in: Christine Vachon
Koproduzent/in: Timothy Bird
Ausführende/r Produzent/in: Robert Kessel
Ausführende/r Produzent/in: Jonathan King
Ausführende/r Produzent/in: Jeff Skoll
Ausführende/r Produzent/in: Michael Sledd
Deutsches Dialogbuch: Marius Clarén
Synchronregie: Cay Michael Wolf
Regie: Todd Haynes
1. Regieassistent/in: Timothy Bird
1. Regieassistent/in: Curtis Smith
2. Regieassistent/in: Alison C. Rosa
2. Regieassistent/in: Casey Shelton (zusätzlich)
Drehbuch: Mario Correa
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan
Kamera/DoP: Edward Lachman
Schnitt: Affonso Gonçalves
Musik: Marcelo Zarvos
Produktionsdesign: Hannah Beachler
künstlerische Leitung: Jesse Rosenthal
Setdekoration: Helen Britten
Postproduktion: Isabel Henderson (Supervisor)
Casting: Laura Rosenthal
Kostümdesign: Christopher Peterson
Kostüme: Katie Saunders (Supervisor)
Kostüme: Ashley Marie Parker (Anne Hathaway)
Kostüme: Zachary Sheets
Kostüme: Jessica Arthur
Kostüme: Chelsea Ostrow (Set)
Maske: Patricia Regan (Leitung Make-up)
Maske: Marie Larkin (Leitung Haare)
Maske: Jodi Byrne (Make-up)
Maske: Anne Morgan (Haare Anne Hathaway)
Maske: Crystal Lewis (Haare)
Tondesign: Leslie Shatz (Mischung)
Ton: Eliza Paley (Supervisor Dialoge, ADR)
Ton: Drew Kunin (Mischung)
Ton: Alexander Lowe (Mischung)
Ton: Jon Flores (Schnitt Effekte)
Ton: Luciano Vignola (Dialogschnitt)
Musikabteilung: Marcelo Zarvos (Producer Score)
Musikabteilung: Randall Poster (Supervisor)
Musikabteilung: Milena Erke (Koordination)
Musikabteilung: Cenda Kotzman (Aufnahme)
Musikabteilung: Tom Kramer (Schnitt Musik)
Musikabteilung: Justin Moshkevich (Schnitt Score)
Musikabteilung: Derek Snyder (Schnitt Score)
Requisite: Vinny Mazzarella
Spezialeffekte (Supervisor): Bob Riggs
Kameraoperator: Chris Haarhoff (A-Kamera, Steadicam)
Kameraoperator: Oliver Cary (B-Kamera)
Kameraoperator: Patrick Longman (Luftaufnahmen)
Setfotos: Mary Cybulski
Stuntkoordination: Richard Fike
Stuntdouble: Tom Dziak (Bill Camp)
beteiligte Firmen
Präsentiert von: Participant
Produktion: Willi Hill
Produktion: Killer Content
Postproduktion: Trevanna Post
Postproduktion: Economy Sound and Digital (Ton)
Visuelle Effekte: OffWorld VFX
Sound/Ton: CNSO Studios (Aufnahme Score)
Sound/Ton: Igloo Music (Mischung Score)
Verleih Deutschland: Tobis Film
gefördert/unterstützt durch: New York State Governor’s Office for Motion Picture & Television Development

Quelle: Tobis Film, FilmBizNews